Radeberger Bierstand

oben: Der Stand von Radeberger zum Tag der Sachsen in Kamenz 2011

Das Bierfässchen.

(Eine Geschichte aus dem Jahr 1880)

Es reisen ja viele Leute nach München, von weit her, nicht bloß wegen der schönen Sachen, die dort zu sehen sind. Alle die „Kunstschätze“ werden, wie man es nennt, bloß vors Loch geschoben. Eigentlich aber reisen sie nur wegen dem Bier nach München und lassen für ein Hofbräu Kunstschätze Kunstschätze sein. Sie kutteln ein Maß nach dem Anderen und sind ganz weg von dem „Göttertrank“, wie sie es nennen.
Wir wollen im eignen Lande auch mal so ein Bier brauen, gerade so, wie das Münchner. Da werden die Leute nicht viel Wesen drum machen. Nun war es auch mal vorgekommen, das ein Brauer ein Fässchen Bier aus München hatte kommen lassen, gerade so, wie es dort gebraut wird und sagte, er hätte ein Bier gebraut, das wär gerad so wie aus dem Hofbräuhaus. Als es die Leute kosteten, meinten sie, es wäre ganz gut, doch dem Münchner reicht es nicht das Wasser. Aber der Brauer lachte und zeigte den Bierverständigen den Frachtbrief. Da wollten sie es nicht glauben. So ist es jedoch immer und überall gewesen. Der Prophet gilt im eignen Lande nichts.
Es gibt aber auch hier noch Leute, die nicht so denken und zu denen gehörte ein preußischer General, der sich im Jahre 1867 in der Oberlausitz aufhielt. Auf seiner Visitenkarte stand zwar „General a.D.“ und die Leute wussten erst nicht recht, ob das „a.D.“ heißen sollte: „Ade“ oder wie sonst immer. Kurzum, er wurde überall „Herr General“ tituliert. Der war von dem guten Geschmack so erfreut, dass er in die Radeberger Brauerei lief und sich dort ein Fässchen bestellte. Die Brauerei war darüber natürlich sehr geschmeichelt und sagte dem General, sie würden es sich zur Ehre rechnen, ihm ein „hochfeines“ Mutterfässchen (Lagerkellerfässchen) zu schicken. Nun war es zu der Zeit aber auch sehr heiß, so wie es eben Ende Juli ist. Die Brauerei hatte deswegen dem General sein Fässchen in ein größeres Fass gesteckt und in den leeren Raum dazwischen Eis gestopft, auf das es schön kühl blieb. Wie nun der General ade den Frachtbrief bekam und auch noch einen besonderen Brief dazu, zerbrach er sich zunächst den Kopf, denn darin las er: „Ew. Exzellenz beehren wir uns dadurch, das bestellte Fässchen Bier per Überfracht (Fracht mit Übergewicht) zu senden ...“. Per Überfracht? Na, es kommt nicht drauf an. Nun lud er gleich ein paar Freunde ein, so etwa fünf, und sagte, er wöllte ihnen einen „Hochgenuss“ mit dem Radeberger Bier verschaffen. Der Tag kam und es fanden sich alle ein. Illustration zur Geschichte: Das Bierfässchen Sein Diener, Arnold hieß er, bekam den Auftrag, das Fässchen, das bereits in der Stube stand, anzustechen. Alle waren sie gespannt auf den „Hochgenuss“. Arnold macht sich also über das Fässchen her. Er nahm den Stöpsel raus und schlug den Hahn rein. Jetzt ließ er es laufen. Pfui Teufel! Da kam nur dreckige Lehmplempe raus und kein Bier! Sie probierten noch einmal und ein drittes Mal. Es blieb bei der Brühe. Nun wurde der General aber richtig grob und schimpfte, dass es rauchte. Seine Gäste aber lachten und wollten das Geschehene begießen. Der General aber war so erbost, dass aus dem gemütlichen Hochgenuss am Ende nichts mehr wurde. Nun hättet ihr sollen den Brief lesen, den er an die Radeberger Brauerei schrieb! Donnerwetter, der wurde aber grob! Was das für eine ... Wirtschaft wäre. Lehmplempe! Und auch noch Überfracht! Sie sollten ... – na, ich will nicht weiter ausbauen, was er alles schrieb. Ein Wort war jedenfalls gröber, als das andere. Die Brauerei war darüber natürlich nicht gerade erfreut. Sie hatten sich alle Mühe gegeben und das schöne Bier so gut verpackt, wie sonst bei keinem. Und nun auch noch Grobheiten? Die Brauerei schrieb also einen Brief zurück, den aber ganz artig. Seine Exzellenz hätten falsch gelesen. Es hieße nicht per Überfracht, sondern per Überfass. Er hätte sollen das kleine Fass aus dem großen Überfass rausnehmen. Da würde das Bier drin sein. – Na, nun wird wohl ein zweiter Brief vom General kommen. Wo er sich vielmals entschuldigt und seine Freude über das schöne Bier ausdrücken wird und sich bedanken wird für die Mühe mit dem Eis und dem Überfass. Na, das wurde nichts. Es kam ein nächster Brief und der war noch mal so grob!

Kieschnicks August, von dem ich erst erzählt hatte – was? Ich hätte nichts von Kieschnick erzählt? Na darauf kommt's nicht an! Kurzum, Kieschnicks August sagte zu Richters Karl, er wüsste nun, was „a.D.“ heißen würde. „Ja was denn?“, meinte Richters Karl. „aus Desperation!“ (Hoffnungslosigkeit!).

ENDE

Die Tatsachen

Bei der genannten Brauerei kann es sich nicht um die heutige Brauerei „Radeberger“ handeln. Diese besteht erst seit dem Jahr 1872. Nach deren Auskunft ist in der Geschichte von der Vorgängerbrauerei die Rede. Das war die 1866 gegründete Brauerei Gäbler, welche hauptsächlich Radeberger Brauerei genannt wurde. Alles Weitere lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Die Geschichte beruht sicherlich auf realen Hintergründen, wurde aber ganz gewiss auch mit einiger Fantasie ausgebaut, so wie man es von mündlichen Überlieferungen erwarten muss.