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oben: Das Buch "Allerlee aus der Äberlausitz"

Die Geschichte:
Der Herr Kollege.

Der Herr Kollege.

(Eine Geschichte aus dem Jahr 1880)

Wenn man einem Menschen, der einen kranken Magen hat, Rhabarber gibt, da weiß man gleich, wie die Wirkung ist. Der Magen wird wieder gut und das ist überall so. Mag der Mensch ein guter oder ein schlechter Kerl gewesen sein, ein Schlauer oder ein Dummer, ein Vornehmer oder ein Kleiner. Bei allen hat der Rhabarber ein und dieselbe Wirkung, er schlägt durch. Bei der Wissenschaft ist das aber ein anderes Ding. Bei dem Einen wirkt sie so, bei dem Anderen wieder anders und bei einem Dritten noch anders. Am schlimmsten sind die Leute, die von der Wissenschaft nur ein kleines Pünktchen genippt haben und sich nun einbilden, sie wüssten und wären Wunder was. Dummköpfe sind das, Halbwisser mit denen nichts anzufangen ist. Sie haben einen großen Dünkel und nichts dahinter. Aber auch bei den Leuten, die die Wissenschaft durchaus studiert haben und gescheit sind, ist die Wirkung verschieden.
Die einen sagen sich, umso mehr sie wissen: „Wir sehen, dass wir nichts wissen können und das verbrennt uns das Herz.“
Andere aber werden vor lauter Klugheit so stolz und vornehm, dass sie glauben, dass alle Leute, die nicht ebenso wissenschaftlich gebildet sind, ein paar Kirchtürme tiefer unter ihnen stehen. Dieser Stolz ist ebenso albern, wie der von einem Geldprotz oder einem Adligen, der ganz vergessen hat, sich neben dem Titel auch die Seele seiner Vorfahren anzueignen.

So ein Stolz geht langsam in Hochmut über und hier und da kommt er gleich vor dem Fall. Von so einem stolzen Wissenschaftler gibt’s nun eine Geschichte, die das beweist, was ich gerade gesagt habe. Es war nämlich mal ein Doktor, und zwar ein Doktor der Medizin. Der hielt die Wissenschaft sehr hoch, sich selbst aber auch und war höllisch vornehm. Andere Mediziner, die keine Doktoren waren, das heißt, die nicht so ein Dr. voran zu stehen hatten, sah er gar nicht an. Die waren viel zu gering. Nun bekam der Doktor der Medizin einmal einen Orden und den Titel Medizinalrat. Von da an wurde es noch toller. Wie er auch noch Hofrat wurde und immer angesehener, da sah er fast nur noch sich selbst an. Aber gerade dem ging’s auch mal schlecht. Dann kam es nämlich so:
Einmal wollte der Herr Hofrat wegen seiner Erholung eine Landpartie machen und ging deswegen mit einem anderen Doktor med. über die Dörfer der Umgebung. Nun mag es sein, wie’s will, auch ein Hofrat bekommt mal Durst und warum auch nicht. So gingen sie alle beide in eine Dorfschenke und kauften sich dort ein paar Töpfe Bier. Der Wirt brachte sie auch, setzte sich aber nicht zu ihnen, sondern zu einem anderen Herren, der ebenso in der Schankstube saß und mit dem er zuvor geplaudert hatte. So konnte er nun sein Gespräch fortsetzen.

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