Foto: Marktplatz Kamenz

oben: Marktplatz Kamenz

Die Geschichte:
Die war kuriert.

Die war kuriert - Teil 2.

Dort hieß es, er wäre nicht da und das war auch richtig so. Haben musste sie ihn aber jetzt um so mehr. Ihr war es auch schon so zumute, als wenn ein Dutzend Pilze in ihrem Rachen wüchsen. Nun suchte sie den Doktor um so mehr, überall, in der ganzen Stadt und sie konnte ihn nicht finden. Endlich aber sah sie ihn dann doch, gerade auf dem Markt. Sie stand da, wie ein struppiger Jagdhund, der ein Huhn aufs Korn genommen hatte. Jetzt kam der Doktor, der den Kopf voll gehabt haben mag an ihr vorbei. Da packte sie ihn gleich und sagte: „Lieber Doktor, ich bitte Sie um alles in der Welt, untersuchen sie mich, ich habe die Diphtheritis!“ Der Doktor aber wollte weitergehen und sagte zu ihr, das wäre nicht der Fall, sie wäre ganz gesund. „Aber lieber Doktor“, meinte sie, „ich schmecke es ganz deutlich, es ist immer ein Geschmack nach Pilzen.

Ach bitte helfen Sie mir.“. Kurzum, sie ließ nicht locker. Um sie nun los zu werden, blieb er bei ihr stehen und sagte: „Nun da machen Sie mal die Augen zu und den Mund auf – ganz weit – immer weiter – so nun bleiben sie ganz ruhig, damit ich hineinsehen kann. Bitte strecken sie noch die Zunge heraus – noch weiter – so.“. Der Arzt sah ihr in den Hals, schüttelte den Kopf und ging gedankenversunken zu seinem nächsten Patienten. Hatte er es doch gleich gewusst.
HolzschnittIch glaube nun, das Frauen-zimmer würde am Ende heute noch da stehen, wenn sie nicht nach einer langen, langen Weile gehört hätte, wie ein paar ungezogene Jungen sagten: „Oh Gott, wie die das Maul aufsperrt!“ Im Nu gab es ein Gejohle und ein Teeps, dass sie dann die Augen öffnete. Der Doktor war weg. Dafür standen aber ein ganzes Rudel Jungen um sie herum und auch ein paar größere Leute. Sie lachten aus vollem Halse, wie sie sahen, dass mitten auf dem Marktplatz ein Frauenzimmer ganz alleine dastand und mit geschlossenen Augen das Rathaus anblökte. Sie dachten alle, dass sie närrisch wäre. Man war das aber eklig. Die schämte sich nicht schlecht. Sie machte, dass sie nach Hause kam, und ging fortan nur noch abends aus, wenn es dunkel wurde. Noch gleich am selben Abend schrieb sie in ihr Buch, das sie „Blüten und Perlen“ nannte (die Leute meinten, es sollte wohl „Farnkraut und Schachtelhalm“ heißen):

Ach, wie ist im Allgemeinen
doch die Welt so schlecht, so schlimm.
Weinen möchte ich, immer weinen!
Holde Muße, oh vernimm:
Zieh mit himmlischen Akkorden
Mich ins Grab, des Lebens satt,
da die falsche Welt nur spottet,
wenn man Diphtheritis hat.

Geheilt war sie und das gründlich. Ihre Pilze bekam sie nicht. Die Dichteritis aber hat sie sich behalten bis zuletzt.

ENDE