Foto: Schlosspark Rammenau

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Die Geschichte:
Die war kuriert.

Die war kuriert.

(Eine Geschichte aus dem Jahr 1880)

In welchem Jahr es gewesen ist, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass sich das, was ich jetzt erzählen will, zu jener Zeit abgespielt hat, als die Leute die Diphtheritis erfunden hatten, also, als diese Krankheit in Mode gekommen war. Kein Mensch hatte jemals etwas davon gehört und auf einmal hieß es, die Diphtheritis ist da und geht rum. Damals herrschte eine grausliche Angst, denn die Leute meinten, Diphtheritis wäre, wenn einem im Halse Pilze wachsen würden. Na, dass sie davor sehr erschraken, ist ihnen nicht zu verdenken. Man kann sagen, was man will, aber der Hals ist nicht dazu da, dass da Pilze und womöglich auch noch Heidelbeeren drin wachsen. Nun hatten die Herren Ärzte und Doktoren viel Arbeit, denn es bildeten sich zwei Sorten Diphtheritis aus. Zum einen gab es die Ausgebildete und zum anderen die Eingebildete. Gerade die machte den Ärzten am meisten zu schaffen. Wenn sie also zu so einem eingebildet Pilz-Diphtheritis-Erkrankten gerufen wurden und es war nichts, da war auch die kostbare Zeit verloren. Ein Doktor, der es mit seiner Arbeit ernst nimmt, hat dann ganz recht, wenn er eklig wird.
Nun war in der Stadt, in der die Diphtheritis rumging, ein Weibsbild, oder wie man heute sagt eine Dame, die auch vor dieser Krankheit Angst bekommen hatte. Sie war auch sonst ein wunderliches Frauenzimmer. Wie alt sie war, wusste kein Mensch. Sie zog sich immer wie ein junges Mädchen an und sagte auch niemanden, wie alt sie wäre. Man konnte aber ahnen, dass sie so zwischen zwanzig und achtzig war. Weil sie gern und überall Verse und Gedichte machte, schwebte sie ständig wie auf Wolken, hoch im Himmel. Deswegen redeten die Leute, sie hätte wohl die „Dichteritis“.

Als nun überall von der Krankheit die Rede war, das heißt von der mit „ph“ und nicht mit „ch“, da besah sich die Frau jeden Tag ihren Rachen. Sie wollte sehen, ob sie nun etwa auch schon Pilze oder gar Heidelbeeren drin hätte. Dann war es auch mal so, als wenn es dann tatsächlich so wäre und die Dame war ganz fürchterlich erschrocken. Sie hatte nämlich gehört, dass danach alles ganz schnell ginge. Und weil gleich nebenan ihr Nachbar so eine Art halber Chirurg war, ließ sie den gleich kommen, obwohl sie auch einen richtigen Arzt hatte. Sie dachte wohl, sie müsste sterben, wenn sie nicht sofort Hilfe bekommen würde. Dem Chirurgen stellte sie nun die Sache vor und wollte umständlich wissen, was das Wort Diphtheritis heißen würde und ob sie sie hätte. Der angebliche Chirurg aber meinte, es wär ein griechisches Wort. Er hätte wohl früher auch Griechisch gekonnt, aber er wüsste von der ganzen Sprache nur noch das Alphabet und da auch nur noch den letzten Buchstaben. Von der Krankheit selber würde er wohl so einiges verstehen, aber er dürfte nicht helfen. Da blieb nun der Dame nichts anderes übrig, als ihren Doktor doch noch kommen zu lassen. Der aber wusste aus langer Erfahrung, dass die Frau ihn bei jedem kleinen Zipperlein rufen ließ. Wenn er dann zu ihr kam, war es immer nichts, höchstens mal ein kleiner Schnupfen. Deswegen kam er an diesem Tag nicht zu ihr, oder nicht gleich. Weil es ihr aber zu lange dauerte, machte sie sich auf die Socken und begab sich zu seiner Wohnung.

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