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Ein peinlicher Schreibfehler.

(Eine Geschichte aus dem Jahr 1880)

Man soll den Teufel nicht an die Wand malen. Das ist ein altes, aber wahres Sprichwort, das einmal ein Oberlehrer in einem Oberlausitzer Städtchen, recht deutlich erfahren musste. Der Herr Lehrer war ein ganzer Kerl. Er wusste viel und was die Hauptsache war, er konnte auch etwas. Das ist nicht immer so. Nicht alle Leute, die etwas wissen, können auch etwas und umgekehrt. Da ist es auch kein Wunder, wenn so einer übermütig wird und meint, es könnte ihm niemals etwas schief gehen. Das geht dann wohl jedem so. Der Oberlehrer, der eine Mädchenklasse hatte, sagte nämlich einmal zu seinen beiden Kollegen, er hätte seine Klasse so sehr in Schuss, dass sie überhaupt keine Fehler machen würden. Das hatten nun die beiden anderen Lehrer nicht glauben wollen. Sie dachten, er würde sich nur großtun. Der aber brach gleich alle Brücken hinter sich ab und sagte: „Ich wette doch gleich ein Fässchen Bier, wenn es nicht so ist.“ Das aber war nun was für die beiden Kollegen. Da gingen sie gleich drauf ein und so wurde festgelegt, dass man den Mädchen etwas diktieren sollte. Die sollten es aber gleich ins Reine schreiben. Danach wollte man nachschauen, ob sie Fehler machten oder nicht. Es wurde also eine Stunde festgesetzt, in der die beiden Anderen auch zugegen waren. Der Oberlehrer sagte den Mädchen, sie sollten mal ihre Federn nehmen und gleich ins Reine schreiben, was er ihnen diktieren würde. Nun fing er an:
„Wer Pech angreift – habt ihr Pech?“
„Ja“, sagten alle
„angreift, besudelt sich – habt ihr besudelt sich?“
„Jaaa“ hieß es wieder.
„Ferner: Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er zerbricht – habt ihr das alle?“
„Jaaa“

„Nun gebt es mal her“, sagte er und gab die Schreibhefte den beiden Kollegen, um ihnen zu zeigen, wie recht er hätte. Die meinten aber, es wäre zu wenig. Er sollte noch mehr Sprüche aufgeben. Da ließ er noch ein halbes Dutzend nachschreiben. Als Letztes, weil er den Kollegen mit dem dicken Bauch, ein bisschen ärgern wollte, diktierte er noch das Sprichwort: „Ein voller Bauch studiert nicht gern, ein leerer noch viel weniger.“.
„Habt ihr viel?“
„Jaaa“ hieß es.
„Habt ihr weniger?“
„Jaaa“.
„Na, nun gebt mal her!“
Triumphierend nahm er die Hefte, sah sie kurz an und gab sie dem dicken Kollegen. Alle beide sahen sie sich an, und wie sehr sie sich auch bemühten, sie konnten keinen Fehler entdecken. Es war alles richtig. „Na“, meinte der Lehrer zu den beiden, „wo wollen Sie mir denn das Fässchen zum Besten geben?“ Da wollte der Eine schon sagen, auf der Funkenburg. Der Dicke aber sagte „Halt, ich habe einen Fehler gefunden!“ und er bekahm rote Flecke im Gesicht. Die Anderen sahen auch noch mal in die Hefte und wurden ebenfalls rot. Es war tatsächlich ein Fehler drin. Sie machten aber den Mädchen keine Vorwürfe und gingen noch am selben Abend auf die Funkenburg. Da musste nun der Oberlehrer sein Fässchen zum Besten geben. Alle drei lachten sie Tränen über den Fehler. Von den 27 Mädchen hatten nämlich 26 bei dem letzten Sprichwort geschrieben:
„ein Lehrer noch viel weniger.“

ENDE