Foto: Kuchenstand

oben: Kuchenstand

Die Geschichte:
Man muss sich nicht ärgern.

Man muss sich nicht ärgern.

(Eine Geschichte aus dem Jahr 1880)

Wenn man einen Floh hat und der sitzt gerade auf dem Ärmel von einer wollenen Unterjacke, da nimmt man seine Finger und sucht, bis man ihn hat. Der Floh aber setzt sich in einen stillen Winkel und denkt, der kriegt mich noch lange nicht. Damit hat er auch recht. In seiner Ecke aber geht es ihm schlecht, denn nun nimmt man den Unterjackenärmel mit der ganzen Hand und wurstelt ihn mit samt dem Floh so sehr herum, dass der wenigstens so etwas wie eine Ohnmacht bekommt. Da ist er dann für eine ganze Weile mucksmäuschenstill. Man denkt, dem hast du es aber gegeben und glaubt, er wäre hinüber. Das fällt ihm nun aber auch wieder nicht ein. Er wartet nur ein Weilchen und sucht sich einen Augenblick heraus, in dem man vor einer Dame steht und mit ihr redet. In der einen Hand die Tasse Kaffee, in der anderen den Hut. Da fängt der Racker erst zu laufen und dann zu stechen an, gerade am Strumpf unter dem Stiefel. Zum Donnerwetter ist das verflixt. Man kann sich nicht rühren und muss es geduldig ertragen. Gerade so geht es einem, wenn man sich so richtig über etwas ärgert. Der Ärger kommt meist wegen anderen Menschen und setzt sich fest. Man kann machen was man will, er bleibt und ist schwer wieder los zu werden. Manchmal denkt man: „Ach, dummes Zeug. Du wirst dich nicht ärgern“ und versucht zu lachen. Das geht dann eine ganze Weile gut. Später aber, wenn man nicht mehr an ihn denkt, kommt er erst recht wieder zutage.

Unser Herr Oberlehrer Zschiedrich sagte, es wären psychologische Vorgänge, die man sich nicht erklären kann. Nicht wegen dem Floh, sondern wegen dem Ärger. So einen einfachen psychologischen Vorgang hatte nun auch mal der Konditor Kunath. Er war von Kindesbeinen an ein Konditor und jeder Zoll von ihm ein Konditor. Er verstand sein Fach wie selten einer und alle Welt meinte, er hätte den besten Kuchen weit und breit. Er selbst hatte überall erzählt, dass er seine Kuchen weit über die Grenzen der Stadt versenden würde. Dann legte er immer eine Karte hinzu, auf der stand: „C. M. Kunath hat den besten Kuchen von der Welt“. Nun werdet ihr fragen, weswegen sich denn nun unser Kunath ärgerte? Das ist doch alles sehr erfreulich. Da habt ihr auch ganz Recht. Doch über den Kuchen ärgerte er sich nicht. Der war sein ganzer Stolz. Sein psychologischer Vorgangsärger bezog sich auf etwas anderes, auf den Pantschler. Pantschler war ein Bäcker und ein strebsamer Mann. Er machte auch Kuchen. Das war es nun aber wieder noch nicht, was unseren Kunath ärgerte. Er wusste genau, dass dem Pantschler sein Kuchen seinem eigenen nicht das Wasser reichen konnte. Aber jetzt kommt es. Pantschler hatte bekannt gegeben, dass er jetzt auch Konditor geworden war und mit seinem Laden eine große Firma aufgemacht hatte. Über seiner Tür stand: „Konditorei Pantschler“. (Damit war der Floh gesetzt.)

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